Superorgan des Wohlbefindens

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Lange lag unser Verdauungssystem in der dunklen Tabuzone. Unangenehm war es, darüber zu sprechen. Das hat sich zum Glück geändert. „Der Darm ist der Schlüssel zu Körper und Geist“, sagt ein populärer Bestseller und die wissenschaftliche Forschung stimmt zu. Höchste Zeit, dass Sie alles erfahren, was der wunderbare Darm für Gesundheit und Wohlbefinden leistet.

Teil 1 – „Hilfe, mein Bauch macht mich krank.“

Eine kleine Leidensgeschichte aus dem echten Leben

Ich fühle mich wie eine Tonne. Ein ständiges Völlegefühl begleitet mich nun schon seit Wochen. Immer öfter steigert es sich zum unangenehmen Druck, manchmal schießt aus heiterem Himmel ein Krampf durch den Bauch. Dieser Zustand beginnt mich ernsthaft zu belasten. Was ist da los? Ich kann es mir nicht erklären – ich esse und lebe nicht anders als sonst: morgens ein bis zwei Tassen Kaffee, dann flott hinein in den Tag. Gut, ich sitze sicher zu viel – wenn nicht am Schreibtisch, dann im Auto –, aber das ist nichts Neues. Meine Ernährung ist nicht ungesund, obwohl ich meist unterwegs essen muss. Trotzdem versorge ich mich mit sehr viel Obst und Rohkost, abends gibt es dann auch mal Weintrauben und ein schönes Stück Käse; das aber eher selten, weil ich auf meinen Körper und mein Gewicht achte.

Umso mehr machen mir diese mysteriösen Beschwerden Sorgen: Dieses aufgeblähte Gefühl, als hätte ich zig Kilo zugenommen, und obwohl ich auf der Waage keine Veränderung sehe, fühle ich mich nur noch in weit geschnittenen Anziehsachen wohl. Die Bauchkrämpfe kommen öfter und die Verdauung wird zur Geduldsprobe, ich stehe deshalb morgens schon eine Stunde früher auf. So kann es nicht weitergehen.

Aber zum Arzt, nur wegen Bauchbeschwerden? Ich gestehe, dass ich im Hinterkopf auch Angst vor einer womöglich unangenehmen Untersuchung habe und versuche Verschiedenes in Eigenregie. Ich schraube meine Ernährung auf fast null Fett herunter, ich nehme zum Abendessen nur etwas Obst, ich erinnere mich an das alte Hausrezept mit eingeweichten Trockenfrüchten zur leichteren Verdauung und lasse mir schließlich in der Apotheke ein pflanzliches Mittel empfehlen. Doch auch das hilft nicht weiter. Nach wie vor fühle ich mich ständig überfüllt und aufgebläht.

Ich gebe zu, dass ich „Doktor Google“ zu meinen Symptomen befrage. Dabei stoße ich auf die Berichte über die sogenannten FODMAPs, abgekürzt für „fermentierbare Oligosaccharide, Disaccharide, Monosaccharide und Polyole“. Gemeint sind bestimmte, schnell vergärende Kohlenhydrate und Zuckeralkohole. Sie stecken zum Beispiel in Weißmehl, Zucker und Süßungsmitteln, in Milchprodukten und in einigen Gemüsen, vor allem aber auch in vielen Obstsorten, wie Äpfeln, Birnen, Kirschen, Mangos, Pflaumen. Womöglich sind diese Stoffe für manche Verdauungsbeschwerden verantwortlich, ein Verzicht hat sich in Studien (Quelle 1) als günstige Diät bei Darmproblemen empfohlen. Sollte ausgerechnet die gesundheitsbewusste Ernährung mit so vielen Früchten und so viel Gemüse mein Problem sein?

Die Artikel sagen aber auch, dass es keine einheitliche Erklärung für Beschwerden, wie ich sie habe, gibt; die Spanne der Ursachen ist breit. Ich entscheide mich nun für einen Besuch bei meinem Hausarzt. Um es kurz zu machen: Es ist die richtige Entscheidung. Er schickt mich zum Gastroenterologen und nach den diversen Untersuchungen (Blut, Urin, Stuhl, Ultraschall; ja, und zur Sicherheit auch eine Darmspiegelung) bin ich von schlimmeren Befürchtungen befreit.

Aber was ist denn los mit mir? Wahrscheinlich handelt es sich um einen Reizdarm. Korrekt: Reizdarmsyndrom, RDS, medizinisch IBS vom Englischen „Irritable Bowel Syndrome“. Für Laien heißt das: Das Nervensystem des Darms ist gestört und reagiert überempfindlich auf übliche Stoffwechselvorgänge. Ich befinde mich in zahlreicher Gesellschaft: In den Industrieländern gehören diese sogenannten „unspezifischen Störungen“ zu den häufigsten Verdauungsbeschwerden, in Deutschland sind schätzungsweise 11 Millionen Menschen betroffen, viele noch ohne Diagnose, viele hat es auch weitaus schlimmer erwischt als mich, denn oft prägt sich der Reizdarm in ständigen Durchfällen aus. Die schlechte Nachricht für mich: Ich werde mit meinen überempfindlichen Darmnerven eine Weile leben müssen. Es gibt keine Standardbehandlung, die das Reizdarmsyndrom kuriert. Verschiedene Therapien, auch alternative Methoden, können die Symptome lindern. Eine Umstellung der Ernährung wird dabei sein – es gilt auszuloten, welche Nahrungsmittel mir Probleme bereiten. Möglicherweise helfen zusätzlich Probiotika aus der Apotheke, pflanzliche Arzneistoffe oder notfalls krampflösende Medikamente; auf jeden Fall werden mehr Bewegung, Entspannung und Achtsamkeit auf dem Weg zur Besserung liegen.

Quelle 1: Halmos, E. P.; Power, V. A.; Shepherd, S. J.; Gibson, P. R.; Muir, J. G. A diet low in FODMAPs reduces symptoms of irritable bowel syndrome. Gastroenterol 2014; 146: 67–75 und Schumann, D.; Klose, P.; Lauche, R.; Dobos, G.; Langhorst, J.; Cramer, H. Low fermentable, oligo-, di-, mono-saccharides and pilyol diet in the treatment of irritable bowel syndrome: a systematic review and meta-analysis. Nutrition 2018; 45: 24–31

Das „Herzstück“ der Abwehr sitzt im Darm  

Stellen Sie sich vor, dass Ihr Darm in diesen Sekunden Tausende von Entscheidungen trifft: Er passt den Blutfluss an, informiert Nachbarorgane, lässt die einen Stoffe passieren, während andere abgewiesen werden. Das Immunsystem des Darms „spricht“ mit bis zu 70 verschiedenen Botenstoffen und greift dabei auf mehrere hundert Millionen Nervenzellen zu. Unser Verdauungssystem ist eine Schaltzentrale der Gesundheit mit einer direkten Leitung zum Gehirn und mit Fähigkeiten, die selbst Experten immer wieder in Staunen versetzen. Hier liegen viele Hoffnungen auf neue, erfolgreiche Behandlungen.

Eine Medizinstudentin brachte vor fünf Jahren Licht ins Dunkel der Verdauungsorgane – das unterhaltsame Buch „Darm mit Charme“ von Giulia Enders wurde zum Bestseller und löste einen Boom des allgemeinen Interesses aus. Die Wissenschaft forschte da schon geraume Zeit auf den vielversprechenden Spuren der Darmfunktionen.

Wir wissen heute, dass mindestens 70 Prozent der Immunabwehr des Körpers im Darm organisiert werden. Nicht die Außenhaut, sondern die Darmschleimhaut stellt unsere erfolgreichste Barriere gegen Angriffe auf den Organismus dar. Der Darm ist verknüpft mit der Gesundheit des Herzens (Quelle 1)  und beeinflusst die Funktionen des Gehirns (Quelle 2). Erforscht werden Zusammenhänge zwischen Darmflora und Multipler Sklerose. Die Wissenschaftler interessieren sich für Bezüge zu Rheuma und Diabetes und stellen fest, dass bei Erkrankungen wie Alzheimer oder Autismus die Darmbesiedlung deutlich verändert ist (Quelle 3). Man diskutiert sogar, ob bald psychiatrische Behandlungen auch den Darm einbeziehen werden. Dr. Peter Holzer, Darmforscher und Professor für experimentelle Neurogastroenterologie:  „Es wird sicher so sein, dass eine ernährungsmäßige gastroenterologische Beratung dazukommt zur psychiatrischen, psychischen Behandlung.“ Im Darm vermutet die Medizin noch viele Ansätze für neue Therapien.

Sechs Überraschungen im Darm

1. Ganz groß in der Abwehr

Auf insgesamt mehr als 400 Quadratmeter Fläche macht die Darmwand mit einem dichten Verbund von Zellen Front gegen das Eindringen von Bakterien. Dabei kann die Darmbarriere Gut und Böse unterscheiden, denn wichtige Nährstoffe und harmlose Eiweiße dürfen passieren, gefährliche Erreger werden abgewiesen. Auf der Schleimhaut der Darmbarriere sitzen fast 70 Prozent aller Immunzellen des menschlichen Organismus; diese Abwehrstruktur ist nicht nur für den gesunden Darm verantwortlich, die Folgen einer Störung können weitreichend sein: „Eine zunehmende Zahl von Studien bestätigt einen Zusammenhang zwischen einer Darmbarriere-Funktionsstörung und dem Vorliegen von Adipositas und Fettlebererkrankungen“, sagt die Deutsche Gesellschaft für Mukosale Immunologie und Mikrobiom.

2. Das „kleine Leben“

In der oberen Schicht der Darmbarriere lebt ein gewaltiges Ökosystem. Die meisten der 100 Billionen Mikroorganismen, die den menschlichen Körper besiedeln, leben in diesem Mikrobiom, dem „kleinem Leben“, präziser: in der „intestinalen Mikrobiota“, der Darmflora. Professor Dr. Samuel Huber, Leiter der molekularen Gastroenterologie und Immunologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf: „Wir beeinflussen unser Mikrobiom durch unseren Lebensstil und unsere Ernährung. Außerdem spielen die Gene eine Rolle, die individuelle Umgebung und auch Medikamente, vor allem Antibiotika.“ Das ist wichtig zu wissen, denn „das Mikrobiom kann uns auch schaden, nämlich dann, wenn die Zusammensetzung gestört ist oder wenn sich bestimmte Pathobionten (Darmkeime mit krankmachenden Eigenschaften) ausbreiten. Dann kann das Mikrobiom Krankheiten begünstigen. Hierzu gehören unter anderem entzündliche Erkrankungen und Krebs.“ Die Mikroorganismen in der Darmflora helfen bei der Verdauung, hemmen Krankheitserreger, kommunizieren ständig mit dem Immunsystem und scheinen weit über den Darm hinaus eine Rolle bei Körperfunktionen zu spielen. Das Mikrobiom gilt in der Medizin mittlerweile als eigenständiges Organ. Der Traum der Mediziner: das Mikrobiom eines Tages derart zu beeinflussen, dass es Krankheiten verhindern oder heilen kann, so Professor Dr. Samuel Huber.

3. Entscheidungen im Bauch

Mit mindestens 100 Millionen Nervenzellen besitzt der Darm das größte Nervensystem nach dem menschlichen Gehirn. „Bauchhirn“ nennt man auch das Phänomen der eigenständigen Entscheidungen, die hier getroffen werden. Der Darm ist das einzige autonome Organ des Körpers, dessen Funktionen nicht vom Gehirn gesteuert werden. Das hat seinen Ursprung in der Entwicklungsgeschichte: „Bevor die Natur sich entschied, ein Gehirn, also eine Schaltzentrale für komplexe Organismen, zu bauen, waren Verdauungssysteme die ersten Gebilde aus Nervenzellen“, sagt der Humanbiologe Professor Dr. Michael Schemann. Der Darm bedient sich dabei der gleichen Botenstoffe wie das Gehirn – 95 Prozent des sogenannten „Glückshormons“ Serotonin werden im Magen-Darm-Trakt produziert. Damit halten Forscher es für wahrscheinlich, dass der Bauch auch die Gefühle beeinflusst. Der Gastroenterologe Professor Dr. Emeran Mayer hat in Kalifornien 40 Jahre lang das Zusammenspiel von Darm und Gehirn erforscht und ist der Meinung, dass im Darm „ein Repertoire von positiven und negativen Gefühlen“ angelegt wird. Er sagt: „Das, was wir essen, beeinflusst sowohl unser Hirn als auch unsere Darmbesiedelung.“

4. Darm an Hirn!

Der sogenannte Vagusnerv verbindet den Magen-Darm-Trakt als Datenautobahn mit dem Gehirn. Eine Kommunikation auf der Darm-Hirn-Achse ist schon lange bekannt, heute weiß man, wie eng die Verbindung ist: 80 bis 90 Prozent der Informationen werden vom Bauch an das Gehirn gesandt. Diese Erkenntnis bereitete dem Forschungsgebiet der Neurogastroenterologie über die Wechselwirkungen zwischen Darm und Gehirn den Weg. Bei dem intensiven Austausch liegt es nahe, Nervenerkrankungen im Gehirn mit dem Darm in Verbindung zu bringen. Es scheint kein Zufall zu sein, wenn zu den frühen Symptomen von Parkinson auch Verdauungsstörungen gehören oder Reizdarmpatienten häufig an einer Depression erkranken.

5. Die Persönlichkeit im Bauch

Das Mikrobiom ist individuell wie ein Fingerabdruck, die Zusammensetzung variiert von Mensch zu Mensch. Man nimmt an, dass es 200 bis 500 verschiedene Mikroorganismen aus etwa 1.000 bis 1.400 unterschiedlichen Arten sind, die sich in einer persönlichen Mischung zusammensetzen. Forscher am Europäischen Laboratorium für Molekularbiologie in Heidelberg haben dabei drei Grundtypen (Enterotypen) ausgemacht, bei denen jeweils ein Bakterienstamm dominiert. Das ist interessant, weil sich daraus womöglich Eigenheiten des Stoffwechsels ergeben: Wie kommt es, dass ein Mensch ein „guter Futterverwerter“ ist und ein anderer dagegen nicht?

„Vollständig ergründet ist das Zusammenspiel zwischen den Bakterien und ihren Steuerungsfunktionen noch nicht. Es muss aber davon ausgegangen werden, dass bestimmte Bakterien dafür sorgen, dass aus der gleichen zugeführten Nahrung mehr Energie bereitgestellt und im Körper aufgenommen wird als durch andere Bakterien. Die Zusammensetzung der Bakterien scheint eine Ursache dafür zu sein, warum Menschen Nahrung so unterschiedlich verdauen, warum einige schnell, andere langsam zu- und abnehmen können“, sagt Dr. Antje Steveling, Oberärztin der Ernährungsmedizin, Universitätsmedizin Greifswald.

6. Das Geheimnis des Abnehmens?

Eine Studie an der Universität Greifswald (Quelle 4) untersuchte, ob Darmbakterien das Abnehmen beeinflussen: In einer ersten Diätphase mit flüssigen Ersatzmahlzeiten verloren die Probanden nicht nur deutlich Gewicht, sie hatten danach auch eine größere Vielfalt in der Darmflora und eine starke Verringerung von Collinsella-Bakterien, die mit schlechtem Stoffwechsel und hohen Cholesterinwerten in Verbindung gebracht werden. Diese Bakterien vermehrten sich auch nicht wieder, als die Studienteilnehmer zu einer gesunden, kalorienreduzierten Kost übergingen, das Abnehmen schritt zügig voran. Weitere Studien mit Mäusen führten vor, dass es offenbar Bakterien gibt, die Fettleibigkeit fördern. Das ist eine Chance. Professor Dr. Michael Blaut, Leiter der Gastrointestinalen Mikrobiologie am Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke: „Durch die Art meiner Ernährung schaffe ich das Milieu für eine bestimmte Mikrobiota. Wenn man die Mäuse, die durch die Mikrobiota von Übergewichtigen dick geworden waren, mit einer ausgewogenen fettarmen Diät füttert, dann werden sie wieder schlank und ihre Mikrobiota gleicht sich der von normalgewichtigen Mäusen an.“

Quelle 1: Deutsches Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung

Quelle 2: Deutsche Gesellschaft für Neurologie

Quelle 3: Klinik für Neurologie am St. Josef-Hospital – Klinikum der Ruhr-Universität Bochum und Institut für Neuropathologie Universitätsklinikum Freiburg

Quelle 4 : A structured weight loss program increases gut microbiota phylogenetic diversity and reduces levels of Collinsella in obese type 2 diabetics, A pilot study. Frost, Fabian, Storck, Lena J., Kacprowski, Tim, Gärtner, Simone, Rühlemann, Malte, Bang, Corinna, Franke, Andre, Völker, Uwe, Aghdassi, Ali A., Steveling, Antje, Mayerle, Julia, Weiss, Frank U. Georg Homuth, Georg, Lerch, Markus M. Lerch, Published: July 18, 2019https://doi.org/10.1371/journal.pone.0219489

Große Leistung in aller Stille

Haben Sie gut gegessen? Diese Frage wird in den nächsten Stunden und Tagen beantwortet. Ihr Darm läuft zur Hochleistung auf, um das Beste aus Ihrer Mahlzeit für Sie herauszuholen. Auf einer Strecke von bis zu acht Metern werden die Inhaltsstoffe sortiert und ausgebeutet, bis tatsächlich nur Restmüll zur Ausscheidung kommt. Wir laden Sie zu einer Besichtigung dieses großartigen Verwertungssystems ein.

Die Verdauung ist das größte System im menschlichen Organismus. Streng genommen beginnt es schon vor dem ersten Bissen: Im Max-Planck-Institut für Stoffwechselforschung stellte man fest, dass schon beim Sehen und Riechen einer Speise Informationen an die Verdauungsorgane ausgeschickt werden. Was nach dem Essen geschieht, wird uns meist nicht bewusst – wir freuen uns ja, wenn der Verdauungsprozess in aller Stille vor sich geht. Etwa 30 Stunden lang werden unsere Nahrungsmittel mit größter Sorgfalt verarbeitet und ausgewertet, das Verdauungssystem holt aus jeder Mahlzeit das Beste für uns heraus. Bei Frauen dauert die Darmpassage übrigens gut 25 Prozent länger, die Gründe dafür sind noch nicht bekannt.

Die Enzyme des Speichels leisten die Vorarbeit, im Magen werden die Speisen dann für die Verdauung vorbereitet und zersetzt. Je nach Fettgehalt dauert es ein bis sechs Stunden, bis die Nahrung dann beim Magenpförtner ankommt, der immer nur so viel Speisebrei in den nachfolgenden Dünndarm durchlässt, wie der bewältigen kann. Denn es gibt viel zu tun:

  • Kohlenhydrate sind in kleinste Bestandteile zu zerlegen; dabei können zum Beispiel die Probleme mit der Laktose entstehen, wenn die Enzyme als Werkzeuge zum Zerlegen des Milchzuckers fehlen.
  • Die Fette werden mithilfe der Gallenflüssigkeit in kleinen Tröpfchen gebunden, damit die Enzyme aus der Bauchspeicheldrüse sie besser für den Transport zum Abbau oder in den Blutkreislauf fertig machen können.
  • Das Eiweiß wurde bereits im Magen in Bruchstücke zerlegt, die jetzt weiter zu transportfähigen Molekülen zerkleinert werden.
  • Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente werden absorbiert und zur Verwertung weitergeleitet; fettlösliche Vitamine gelangen zur Aufbewahrung im Fettgewebe, überschüssige wasserlösliche Vitamine zur  Ausscheidung.

Der Dünndarm zieht die wesentlichen Wertstoffe aus der angebotenen Nahrung und sorgt dafür, dass die Einzelbestandteile der Nahrung an den Körper abgegeben werden können; er trägt die Hauptlast der Verdauung: Um die Nährstoffe bestmöglich aufzunehmen, ist die Oberfläche des Dünndarms durch eine raffinierte Ziehharmonikafaltung und mit unzähligen kleinen Ausstülpungen und deren Fortsätzen enorm vergrößert; 400 bis 500 Quadratmeter stehen damit auf einer Länge von fünf bis sechs Metern zur Verfügung. 

Nachdem die meiste Verdauungsarbeit getan ist, bewegt sich die ausgebeutete Restmasse weiter in den Dickdarm. Dieser ist etwa eineinhalb Meter lang und umgibt den Dünndarm wie ein Rahmen. Durch die Form eines umgekehrten U ist eine gewisse Schikane eingebaut: Der Speisebrei muss sich erst aufwärts, dann seitwärts und schließlich abwärts bewegen – gelingt das nicht, kommt es zu Durchfall oder Verstopfung. Um eine gut gleitfähige Masse herzustellen, wird Wasser entzogen und Schleim beigemischt. Gut zehn Billionen Bakterien (Quelle 1) machen sich über die verbliebenen, noch unverdauten Ballaststoffe her. Die nützlichen Mikroorganismen gedeihen und vermehren sich mit diesem bevorzugten Futter und produzieren auch noch schützende Fettsäuren, B-Vitamine und Vitamin K.

Anschließend entzieht der Mastdarm dem Speisebrei die letzte Flüssigkeit und bringt die Verdauungsprozedur mit der Ausscheidung durch den After zum Ende. Dazu noch ein Tipp von der Bestsellerautorin und heutigen Ärztin Giulia Enders, die den Darm bis zum Toilettengang erforscht hat: „Unsere Vorfahren haben das unbewusst gut gemacht. Die gingen hinterm Busch in die Hocke. In der Hockposition lockert sich der Muskel. So kann alles besser flutschen. Es reicht schon, sich nach vorne zu beugen und einen kleinen Hocker unter die Füße zu stellen, wenn man auf dem Klo sitzt. Das braucht am Anfang etwas Übung – kann aber helfen …“

Durchschnittlich 500 Kilogramm Nahrungsmittel verarbeitet unser Verdauungssystem im Jahr, etwa 30 Tonnen in einem Leben. Diese Herkulesaufgabe kann nur mit den 100 Billionen Arbeitskräften gestemmt werden, die in der Darmflora siedeln. Es zahlt sich aus, diese fleißigen Mikroorganismen gut zu behandeln. Wenn sie sich wohlfühlen, geht es auch Ihnen gut!

Quelle1: Berufsverband Deutscher Internisten

Artenschutz in der Darmflora

Der Artenschwund ist noch näher, als wir glauben. Das Mikrobiom im eigenen Darm ist bedroht und das wirkt sich ganz direkt auf die Gesundheit aus. Schauen wir uns das Ökosystem der Billionen von Mikroorganismen also genauer an, um rechtzeitig unseren Lebensstil zu ändern. Vielen Beschwerden und Erkrankungen kann man mit der Pflege der Darmflora entgegenwirken.

Hilfe, eine Vergiftung der Eingeweide! Als im frühen 20. Jahrhundert die Darmflora entdeckt wurde, betrachtete man sie als Krankheit. „Intestinale Toxikämie“ nannte man die beängstigende Besiedelung des Darms, Bakterien waren schließlich als Krankheitserreger bekannt und gefürchtet. Sir Arbuthnot Lane, der Chirurg des britischen Königshauses, empfahl seinerzeit, sich wegen der gefährlichen Eingeweidebewohner den Dickdarm entfernen zu lassen. Jahrzehnte später wurde klar, dass die Bakterien nützliche Helfer bei der Verdauung sind. Dann entdeckte man, dass sie nebenbei auch noch Vitamine produzieren. Inzwischen zeigt sich, dass die Mikroorganismen eine noch größere Rolle für Wohlbefinden und Gesundheit spielen als vermutet. Doch die Forschung steht immer noch am Anfang. „Wir beginnen erst, das komplexe Wechselspiel zwischen dem Menschen und seiner Darmflora zu verstehen“, sagt Professor Dr. Dirk Haller von der Technischen Universität München, der das Schwerpunktprogramm „Intestinal Microbiota“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft koordiniert. Allein die Erkenntnisse über Menge und Arten der Darmbesiedler ändert sich ständig. Insgesamt sind es je nach Körpergewicht wohl 1,5 bis 2 Kilogramm Bakterien in Tausenden von Arten. Die meisten Schätzungen liegen zwischen 1.000 und 1.400, als neueste Nachricht meldet eine Forschergruppe des EMBL European Bioinformatics Institute die Entdeckung von 2.000 neuen Bakterienarten. (Quelle 1) Das Problem der Wissenschaftler: Viele Organismen sind außerhalb des Darms nicht überlebensfähig und deshalb auch mikroskopisch nur schwer nachzuweisen.

Was ist sicher?

„Die Darmflora erfüllt wichtige Aufgaben: Sie unterstützt uns bei der Verdauung von Nahrung, etwa von Ballaststoffen, liefert lebenswichtige Vitamine und andere Stoffwechselprodukte und schützt uns vor krank machenden Bakterien, indem sie deren Ansiedlung im Darm erschwert. Die Darmflora steht in ständiger Wechselwirkung mit unserem Immunsystem. Dabei tragen die Darmbakterien maßgeblich zur Entwicklung des Immunsystems bei. Bestimmte Bakterien können die entzündungsaktivierenden oder -hemmenden Funktionen des Immunsystems stimulieren. So nimmt die Darmflora Einfluss darauf, ob das Immunsystem eine effektive Immunantwort gegen einen Krankheitserreger zu leisten vermag, aber auch darauf, ob eine chronisch-entzündliche Krankheit ausgelöst wird.“ (Quelle 2)

Was könnte sein?

Therapie mit Bakterien? Rund zehn Prozent der Bevölkerung Deutschlands leiden unter chronischen Entzündungskrankheiten wie rheumatoider Arthritis, Schuppenflechte oder chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen. Die Krankheitsbilder von vielen dieser chronischen Entzündungserkrankungen fallen mit teilweise starken Veränderungen in der Zusammensetzung der Darmflora zusammen. Noch ist nicht klar, ob die veränderte Darmflora Auslöser oder Folge der Erkrankungen ist. Therapieversuche bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen deuten an, dass die Spende einer gesunden Darmflora zu einer Verbesserung führen kann.

Einfluss auf die Herzgesundheit? Forschungsdaten des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) zeigen, dass im Darm von Patienten mit einer Herzschwäche wichtige Bakterienfamilien seltener vertreten sind; die Darmflora ist deutlich weniger vielfältig als bei gesunden Personen. Noch ist unklar, ob die Darmflora als Folge der Herzschwäche verändert ist oder ob ihre Zusammensetzung auch ein Auslöser für diese Erkrankung sein könnte.

Schlank durch die Darmflora? Professor Oluf Pedersen am Center for Basic Metabolic Research in Kopenhagen untersuchte in einer Studie (Quelle 3) die Mikrobiota von schlanken und übergewichtigen Dänen. Seine Schlussfolgerung: Menschen, deren Darm von vielfältigen Bakterienstämmen besiedelt ist, haben ein geringeres Risiko, dick zu werden – vermutlich nehmen Darmbakterien Einfluss auf den Stoffwechsel. Viele Studienteilnehmer mit geringer Mikrobenvielfalt hatten außerdem einen gestörten Fettstoffwechsel und wiesen erste Anzeichen von Typ-2-Diabetes auf. Der Biomediziner rät: „Wer langfristig abnehmen will, sollte dafür sorgen, dass der Darm intakt bleibt.“ Seine Vision: „Man könnte Kapseln mit Bakterienstämmen füllen, die dann im Verdauungstrakt freigesetzt werden und sich dort etablieren.“

Eine Waffe gegen Darmkrebs? Bereits seit einigen Jahren vermuten Wissenschaftler einen Zusammenhang zwischen der menschlichen Darmbesiedlung und der Entstehung von Darmkrebs. Aus ersten Studien an der University School of Medicine in New York resultierte eine vorsichtige Hoffnung: Wenn Darmkrebs die Folge einer andersartigen bakteriellen Darmbesiedlung ist, dann lässt sich das Krebsrisiko womöglich durch Ernährung oder Medikamente beeinflussen. Forscher des European Molecular Biology Laboratory in Heidelberg (Quelle 4) werteten nun acht Studien aus und tatsächlich scheint es Merkmale des Mikrobioms zu geben, die Krebspatienten miteinander gemein haben. Entsteht Darmkrebs nun durch einen Mangel an schützenden Bakterien? Nein, plausibler erscheint es den Forschern, dass bestimmte Mikroben zur Entstehung von Tumoren beitragen. Auf dieser Basis arbeitet man nun an möglichen Therapien.

Was können wir tun?

Viele Forschungen weisen darauf hin, dass die Vielfalt der Bakterienstämme entscheidend die Qualität der Darmflora beeinflusst. Professor Dr. Christian Trautwein, Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie: „Je größer die Artenvielfalt im Darm, umso geringer ist das Risiko von Infektionen und Allergien.“ Aber „unser Mikrobiom verarmt“, sagt der Mikrobiologe Professor Dr. André Gessner. Durch modernes Hygienebewusstsein gelangen weniger Keime in den Darm, auch die Vielfalt verringert sich. Es gibt auch erste Hinweise darauf, dass die westliche Ernährungsweise mit wenig Ballaststoffen, vielen tierischen Fetten und Proteinen die Anzahl der Arten in der Besiedelung des Darms verringert.

Detaillierte Anweisungen für eine bakterienfreundliche Ernährung kann die Wissenschaft noch nicht geben. Nach der Logik der Evolution müssten wir die Nahrungsmittel bevorzugen, mit denen sich im Laufe der Entwicklungsgeschichte das Mikrobiom des Menschen entwickelt hat. Auf die heutigen Möglichkeiten übertragen heißt das: viel Gemüse, Vollkornprodukte, wenig Zucker und Weißmehl, keine hoch verarbeitete Nahrung, aber fermentierte Lebensmittel wie Kefir, Joghurt, Sauerkraut.

Problematisch für den Bestand der Mikroorganismen ist jedoch nicht nur die einseitige Ernährung, sondern auch der übermäßige Gebrauch von Medikamenten, allen voran Antibiotika. Professor Jeroen Raes vom Center for Microbiology an der belgischen Universität Leuven geht nach Untersuchungen der Darmflora von fast 4.000 Menschen noch weiter: Auch Antihistamine (Medikamente gegen Allergien), die Antibabypille oder Hormone, die in den Wechseljahren eingenommen werden, ändern die Besiedelung im Darm.

Artenschutz im Darm

Zu Beginn der Mikrobiomforschung ging man davon aus, dass das Bakterienvolk eines Darms nicht nur einzigartig ist, wie der Fingerabdruck des Menschen, sondern auch unveränderbar, wie seine Gene. Heute weiß man, dass Leben im Darm gestaltbar ist, am einfachsten durch die Ernährung. Ernährungsforscher Professor Dr. Michael Blaut: „Es ist kein Schicksal, man kann es selbst beeinflussen.“ Unter günstigen Umständen bei einem gesunden Darm geht das schnell: Nach gerade mal einem Tag haben sich die Bakterien an eine neue Ernährungsweise angepasst. Fleischesser züchten in ihrem Darm Mikroben, die Proteine und Fett zerlegen können. Wechseln sie zu vorwiegend pflanzlicher Nahrung, übernehmen Bakterien, die Fasern und Kohlenhydrate lieben. Und auch wenn es die detaillierten Rezepte zur gezielten Ernährung von Bakterienstämme noch nicht gibt, gilt zweifellos auch hier die Regel: Gut tut eine reichhaltige, abwechslungsreiche Ernährung mit ausreichend Gemüse und Obst (der Ballaststoffe wegen am besten mit Schale) und insbesondere Milchsäurebakterien und wasserlöslichen Ballaststoffen (in Nüssen und Samen).

Anfangen mit fünf Tipps

  • Omega-3-Fettsäuren aus Fisch oder Ölen, wie Leinöl, können Anzahl und Vielfalt der Darmbakterien verbessern.
  • Haferflocken sind ein ballaststoffreicher Nährstofflieferant und versorgen bereits in kleinen Mengen den Körper mit wichtigen Nähr- und Vitalstoffen.
  • Apfelessig stärkt die Darmflora mit den enthaltenen Enzymen und guten Bakterien.
  • Weniger Zucker über mehrere Wochen wirkt sich sehr positiv auf die Darmflora aus.
  • Eine selbst gemachte Knochenbrühe hilft, die Darmschleimhaut zu regenerieren, den Magen-Darm-Trakt zu beruhigen und das bakterielle Gleichgewicht wiederherzustellen.

(Mehr im Ratgeber „Gesunde Darmflora. Über 100 Rezepte bei Candida-Mykose, Dünndarm-Fehlbesiedlung und Leaky Gut“. TRIAS Verlag, Stuttgart, 2019, von dem Gastroenterologen Professor Dr. Martin Storr und Sabine Karpe, Heilpraktikerin und Ernährungsberaterin)

Achtung: Dysbiose – Aufstand im Milieu

Die Eubiose, das Gleichgewicht der Organismen im gesunden Darm, kann durch verschiedene Einflüsse ins Schwanken geraten: Ungünstige Ernährung, Dauerstress oder Medikamente erzeugen beispielsweise eine Milieustörung, in der sich negativ tätige Bakterien massiv vermehren und die wohltätigen Mikroorganismen zurückdrängen. Diese Dysbiose führt manchmal direkt zu einem Krankheitsbild, häufiger sind die Auswirkungen subtiler. Die Funktion der Darmbarriere ist gestört, die Immunabwehr schwächelt, weiteren Erregern ist die Tür geöffnet, Giftstoffe geraten in den Blutkreislauf. Wenn die Problematik nicht bemerkt wird, können sich Erkrankungen wie Zöliakie (chronische Systemerkrankung mit Glutenunverträglichkeit), Colitis ulcerosa und Morbus Crohn (beides chronisch entzündliche Darmerkrankungen), nach Meinung mancher Mediziner auch Darmkrebs entwickeln. Es ist also wichtig, den Umsturz in der Darmflora rechtzeitig zu bemerken.

Die Anzeichen einer Dysbiose:

  • Blähungen, Völlegefühl
  • Druck, Bauchschmerzen, Krämpfe
  • Unwohlsein, Übelkeit, Erbrechen
  • Durchfall, Verstopfung
  • Müdigkeit, Schwächegefühl, Koordinationsstörungen
  • Kopf-, Gelenk- und Muskelschmerzen
  • Nahrungsmittelunverträglichkeiten
  • wiederkehrende Infekte
  • Hauterkrankungen, Probleme der Schleimhäute
  • Impotenz, Libidoverminderung, Regelprobleme

Die Behandlung einer gestörten Darmflora ist in den meisten Fällen erfolgreich. In spezialisierten Laboren ist es möglich, Darmkeime zu bestimmen und Entzündungswerte zu messen. Dann kann mit einem Multispezies-Probiotikum (enthält vermehrungsfähige Darmkeime) und einem Präbiotikum (Ballaststoffe) in Kombination mit einer Ernährungsumstellung die Darmflora wieder ins Lot gebracht werden. Wieder ins Licht gerückt, ist eine sehr alte Behandlungsform: Die fäkale Mikrobiotatransplantation, mit Hilfe von Kot verpflanzte Bakterien, wurde in der chinesischen Medizin schon vor über 1.000 Jahren praktiziert. Dabei wird durch eine Darmfloraspende der Keimboden für ein gesundes neues Ökosystem im Empfänger eingesetzt. Diese Methode bewährt sich heute insbesondere im Kampf gegen den hochgefährlichen Krankenhauskeim Clostridium difficile.

Quelle1: www.embl.de/aboutus/communication_outreach/media_relations/2019/190211_finn_nature_microbiome/

Quelle 2: Dr. Hyun-Dong Chan und Beller, Alexander, Forschende des Exzellenzclusters Präzisionsmedizin für chronische Entzündungskrankheiten und der Charité Universitätsmedizin Berlin

Quelle 3: Richness of human gut microbiome correlates with metabolic markers, Nature volume 500, pages 541–546 (29 August 2013)

Quelle 4: Nature Medicine, 2019; doi: 10.1038/s41591-019-0406-6

Gesundheit zur Gewohnheit machen

Wir haben den Darm als komplexes System voller faszinierender Funktionen kennengelernt. Der richtige Umgang mit diesem Superorgan ist jedoch nicht kompliziert. Ein wenig Bewusstsein tagtäglich genügt, um die Gesundheit zu fördern – es ist eine Summe kleiner, richtiger Entscheidungen, die auch die Lebensqualität stärkt. Lesen Sie unsere Anregungen!

Der Darm ist gar nicht so anspruchsvoll, einen normalen gesunden Lebensstil dankt er stillschweigend mit seiner Funktion und sorgt für Wohlbefinden und Gesundheit. Abwechslungsreiche Ernährung mit guten, frischen Lebensmitteln, Entspannung und Bewegung passen in jeden Alltag. Man gewöhnt sich schnell an das gute Leben, hier die wichtigsten Anregungen:

Ein Apfel am Tag! Forscher an der Technischen Universität Graz (Quelle 1) haben herausgefunden, dass ein typischer Apfel ungeschält mehr als 100 Millionen Bakterien enthält, was den Darm besonders freut.

Ballaststoffe sind die Darmpfleger Nummer eins, mindestens 30 Gramm sollten laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) jeden Tag in der Ernährung enthalten sein: beispielsweise drei Scheiben Vollkornbrot, eine Portion Früchtemüsli, zwei bis drei mittelgroße Kartoffeln, zwei mittelgroße Karotten, zwei Kohlrabi, ein Apfel und eine Portion Beeren.

Basische Ernährung ist ein Ansatz, um den Säure-Basen-Haushalt zu harmonisieren, der durch den Konsum von zu viel Säure aus Fleisch, Zucker und Alkohol häufig aus dem Gleichgewicht gerät. Um den Organismus wieder in Balance zu bringen, sollte die Ernährung zu 80 Prozent aus Gemüsen, Salaten, Kräutern, Sprossen, pflanzlichen Ölen und Fetten und glutenfreien Nahrungsmitteln, wie zum Beispiel Hülsenfrüchten, Kartoffeln, Mais und Reis bestehen.

Beschwerden wie Bauchschmerzen, Verstopfung und Durchfall erst einmal mit milden Hausmitteln behandeln: Anis-, Fenchel- oder Kümmeltee helfen, Wärme entspannt, Trockenfrüchte und Flohsamen oder Leinsamen regen die Verdauung an. Von Abführmitteln sollte man die Finger lassen, weil sie auf Dauer schwere Nebenwirkungen haben können.

Bewegung hält den Darm auf natürliche Art in Schwung, besonders geeignet sind alle moderaten Sportarten, wie Laufen, Walken, Schwimmen und morgens schon „Radfahren“ im Liegen nach dem Erwachen im Bett.

Entspanntes Speisen im Sitzen mit Zeit und Genuss ist eine wesentliche Vorstufe für den Verdauungsprozess.

Genug trinken bedeutet 1,5 bis 2 Liter pro Tag, mehr bei Hitze, Sport oder körperlicher Arbeit. Das erste Glas mit warmem Wasser morgens auf nüchternen Magen kurbelt die Verdauung an.

Gründlich kauen ist eine genussvolle Vorarbeit, die den Verdauungsorganen hilft, weil die Speisen gut zerkleinert ankommen und dank des Speichels ausreichend Verdauungsenzyme mitbringen.

Natürliche Probiotika sind positive Milchsäurebakterien in fermentierten Lebensmitteln, wie zum Beispiel in Naturjoghurt, Kefir oder Sauerkraut. Diese Mikroorganismen wirken sich günstig auf die Darmgesundheit aus – nicht zu verwechseln mit probiotischen Zusätzen in industriellen Lebensmitteln. „Probiotische Drinks“ und ähnliche Produkte sind im besten Fall frei von gesundheitlicher Wirkung, bei übermäßigem Konsum können sie sogar zum Gesundheitsrisiko (Quelle 2) werden.

Präbiotika, nicht zu verwechseln mit Probiotika, sind Ballaststoffe, die unverdaut in den Dickdarm gelangen und dort die Darmbakterien speisen. Präbiotische Stoffe sind beispielsweise Inulin und Oligofruktose, die manchen Lebensmitteln zugesetzt werden. Von Natur aus liefern diese Ballaststoffe zum Beispiel Chicorée, Schwarzwurzeln, Topinambur, Zwiebeln, Artischocken, Bananen und Knoblauch.

Routinen pflegen heißt, morgens genug Zeit für Frühstück plus Toilettengang ohne Hektik zu haben. Mit diesen Tätigkeiten zur immer gleichen Zeit kann man die Verdauung erziehen. Umgekehrt ist es wichtig, auf den Darm zu hören, wenn er sich meldet: Toilettengänge niemals aufschieben, man bezahlt mit Verstopfung dafür.

Vielleicht mal fasten? Es gibt viele Möglichkeiten, dem Darm eine Auszeit zu gewähren – von wenigen Stunden bis über Wochen. Die gesundheitlichen Effekte für den ganzen Menschen werden sehr verlockend beschrieben, neben dem Körper profitiert auch die Psyche.

Und natürlich Vorsorge

Nach dem heutigen Wissensstand können bei früher Diagnose 90 Prozent aller Darmkrebserkrankungen geheilt werden. Bei der Früherkennung geht es also auch darum, Überlebenschancen zu sichern, dazu dienen die Früherkennungs- und Vorsorgeuntersuchungen ab dem 50. Lebensjahr .  Der Nutzen und auch die Risiken der verfügbaren Untersuchungen werden ständig in Studien erforscht, Wissenschaftler prüfen dabei auch, ob neuere Verfahren zur Früherkennung geeignet sind (Quelle 3).

Diese Untersuchungen zur Früherkennung stehen ab 50 Jahren zur Verfügung und werden von den Kassen gezahlt: 

Test auf verstecktes Blut jährlich von 50 bis 54 Jahren, ab 55 alle zwei Jahre, wenn keine

Im Stuhl Darmspiegelung gemacht wurde

Große Darmspiegelung Frauen ab 55, Männer ab 50 Jahren, 2 x alle 10 Jahre 

Keine Angst – wenn Sie wissen, was geschieht

Bei der Tastuntersuchung fühlt der Arzt vorsichtig den Enddarm ab. Die nahe am After gelegenen Enddarmkarzinome können dabei frühzeitig und zum Teil bereits in Vorstufen erkannt werden.

Der Stuhltest kann kleinste Mengen Blut im Stuhl nachweisen und damit erste Hinweise auf einen Tumor oder einen Polypen (Vorwölbung der Schleimhaut) geben. 

Bei der Darmspiegelung wird zwischen der „kleinen“ Darmspiegelung (Sigmoidoskopie), und der „großen“ Darmspiegelung (Koloskopie) unterschieden. Die Darmspiegelung gilt derzeit als die zuverlässigste Methode zur Früherkennung des Darmkrebses. Die Sigmoidoskopie betrachtet die letzten 60 Zentimeter des Dickdarms; hier finden sich etwa zwei Drittel aller Darmtumore. Bei der Untersuchung liegen Sie seitlich bequem, während der Arzt einen biegsamen, etwa fingerdicken Schlauch in den Darm einführt. Am vorderen Ende des Schlauchs, dem Endoskop, befinden sich eine Lichtquelle und eine Kamera. Während der Schlauch ganz langsam zurückgezogen wird, zeigt der Bildschirm die Dickdarmschleimhaut in mehrfacher Vergrößerung. Von verdächtigem Gewebe kann durch den Schlauch sofort eine Probe abgenommen werden. Viele Wucherungen, wie Polypen, lassen sich bereits während der Darmspiegelung entfernen. Die entnommenen Proben und die entfernten Wucherungen werden unter dem Mikroskop untersucht, um festzustellen, ob das untersuchte Gewebe gut- oder bösartige Veränderungen enthält. Die Untersuchung selbst dauert normalerweise etwa fünf Minuten. Wenn Sie Angst haben, können Sie sich ein Beruhigungsmittel wünschen. Bei einem auffälligen Ergebnis empfehlen die Experten zur weiteren Abklärung eine große Darmspiegelung.

Bei einer Koloskopie wird der gesamte Dickdarm betrachtet. Mit der Koloskopie können auch die Vorstufen des Darmkrebses aufgespürt und zum Teil sofort entfernt werden; damit kann die Koloskopie auch die Entstehung von Darmkrebs in Vorstufen unterbinden. Einige Tage vorher erfahren Sie im Detail, wie die Untersuchung abläuft, wie Sie sich darauf vorbereiten und was Sie danach beachten sollten. Eine Koloskopie darf nur von Medizinern durchgeführt werden, die dafür eine besondere Qualifikation erworben haben. Bei der Koloskopie gleitet ein fingerdicker Schlauch in den Enddarm und erreicht durch den ganzen Dickdarm hindurch den Dünndarm. Etwas Luft wird eingeblasen, dann wird der Schlauch ganz langsam zurückgezogen und die Untersuchenden können auf einem Bildschirm die Dickdarmschleimhaut in Vergrößerung betrachten, an verdächtigen Stellen Proben entnehmen und Polypen entfernen. Die Untersuchung dauert normalerweise etwa eine halbe Stunde. Auch vor dieser Untersuchung können Sie auf Wunsch ein Schlafmittel erhalten, das in eine Art entspannter Dämmerung versetzt. 

Vor der kleinen und der großen Darmspiegelung muss der Dickdarm vollständig entleert werden; die gute Vorbereitung ist zur zuverlässigen Beurteilung sehr wichtig: Schon zwei Tage vor der Darmspiegelung soll man auf schwer verdauliche Speisen verzichten, ab dem Abend vor der Untersuchung nichts mehr essen und ein Abführmittel einnehmen oder am Morgen des Untersuchungstages eine Spüllösung trinken.

Quelle 1: Studie „An Apple a Day: Which Bacteria Do We Eat With Organic and Conventional Apples?“. Journal Frontiers in Microbiology)

Quelle2: Dr. Rao, Satish , Augusta University, in „Clinical and Translational Gastroenterology“, http://jagwire.augusta.edu/probiotic-use-is-a-link-between-brain-fogginess-severe-bloating/

Quelle 3: Deutsches Krebsinformationszentrum

Hilfe oder Humbug? Fünf Verdauungsregeln auf dem Prüfstand

1. Trinken beim Essen schadet der Verdauung.

Oft hört man als Begründung: Wasser verdünnt die Magensäure und behindert damit die Verdauung. Das stimmt so nicht. Dazu müsste man mehr trinken, als der Magen überhaupt fassen kann. Das Gegenteil ist wahr: Trinken unterstützt die Verdauung, wenn es sich um Wasser, Tee und andere zuckerarme Getränke handelt. Professor Dr. Christian Trautwein von der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie: „Wenn der Körper ausreichend Flüssigkeit zur Verfügung hat, wird im Darm weniger Wasser zurück in den Körper geholt. Der im Magen vorverdaute Brei rutscht dann besser durch den Verdauungstrakt und kann leichter ausgeschieden werden.“

2. Einen Schnaps zur Verdauung?

Eine kleine praktische Studie am Universitätsspital Zürich hat die Wirkung von Schnaps versus Tee oder Wasser auf die Verdauung nach einem klassischen Käsefondue untersucht. Man kam zu dem Ergebnis, dass Alkohol den Verdauungsprozess verlangsamt und die Beschwerden eher erhöht statt lindert. Allerdings sorgt der entspannende Effekt von Alkohol für eine Placebowirkung, man fühlt sich scheinbar wohler.

3. Oder einen Kräutertee nach dem Essen?

Ja, wenn es Pfefferminze ist. Ihre ätherischen Öle verbinden sich zügig mit dem heißen Wasser und bleiben dabei in ihrer Wirkung erhalten, insbesondere Menthol sorgt für eine angenehme Muskelentspannung. Gerb- und Bitterstoffe unterstützen die Fettverdauung.

4. Nach dem Essen sollst du ruhen …

Tatsächlich setzt der Verdauungsprozess ein, wenn der Körper zur Ruhe kommt. Eine Pause nach dem Essen tut also gut, jedoch nicht im Liegen. Die horizontale Position direkt nach einer Mahlzeit erhöht das Risiko für Sodbrennen, stellten Forscher an der Osaka University in Japan fest – ihrer Meinung nach kommt der ideale Zeitpunkt für den Mittagsschlaf erst vier Stunden nach dem Essen.

5. Noch einen Kaffee zum Schluss?

Koffein regt die Produktion von Magensäure an, die Chlorogensäure fördert den Gallefluss, zusätzlich stimuliert Kaffee die Muskelkontraktionen in den Darmwänden, die den Verdauungsvorgang voranbringen. Das Problem: Kaffee wirkt bei jedem Menschen anders. Ernährungswissenschaftlerin Dr. Anna Flögel: „Bitterstoffe greifen die Magenschleimhaut an, weshalb empfindliche Menschen Magenschmerzen bekommen können. Je nach Kaffeeart, Röstung und Zubereitung ist Kaffee im Einzelfall mehr oder weniger gut bekömmlich. Espresso gilt beispielsweise als recht gut verträglich. Denn durch die längere Röstdauer der Espressobohnen werden mehr Säuren abgebaut, was Espresso magenschonender macht.“